Aufgaben werden nicht angegangen, Projekte nicht beendet, nach kritischem Feedback folgt Rückzug. Im Coaching liest sich das schnell als Widerstand oder fehlende Eigenverantwortung. Dieselbe Situation lässt sich aber auch über ADHS-typische Mechanismen erklären.
Drei davon reichen für den Anfang. Exekutivfunktionen, also das Anfangen, Priorisieren und Dranbleiben, arbeiten anders. Aufmerksamkeit richtet sich nach Interesse und Dringlichkeit statt nach Wichtigkeit. Und Kritik trifft härter, als sie gemeint war.
Deine Grenze ist klar: Du diagnostizierst nicht. Das darfst du nicht, und du kannst es auch nicht. Was du kannst, ist diese Mechanismen mitzudenken, damit du nicht an einer Person mit ADHS vorbeicoachst, deine Interventionen anzupassen, und bei begründetem Verdacht behutsam auf eine fachliche Abklärung hinzuweisen.
Exekutivfunktionen sind die inneren Abläufe, mit denen wir Handlungen planen, beginnen, ordnen und zu Ende bringen. Wenn sie anders arbeiten, entsteht ein Muster, das von außen wie Bequemlichkeit aussieht: Es ist völlig klar, was zu tun wäre, und es passiert trotzdem nicht.
Der zweite Mechanismus betrifft die Aufmerksamkeit. Sie folgt nicht der Wichtigkeit einer Aufgabe, sondern Interesse, Neuheit und Druck. Deshalb kann jemand acht Stunden konzentriert an etwas Faszinierendem arbeiten und gleichzeitig eine Zehn-Minuten-Aufgabe wochenlang vor sich herschieben. Das wirkt widersprüchlich, ist es aber nicht.
Der dritte Mechanismus ist die Empfindlichkeit gegenüber Zurückweisung. Kritik, auch sachlich gemeinte, kann sehr stark treffen. Der Rückzug danach ist dann keine Trotzreaktion, sondern der Versuch, eine als überwältigend erlebte Erfahrung zu beenden.
Typisch ist der Bruch zwischen Sitzung und Alltag. Im Gespräch ist alles klar, die Motivation ist echt, der Plan steht. Bis zum nächsten Termin ist nichts davon passiert, und dein Gegenüber schämt sich dafür.
Typisch ist auch, dass Vereinbarungen immer ambitionierter werden, je öfter sie nicht eingehalten wurden. Das ist ein Teufelskreis: Der Plan wird größer, die Hürde höher, das Scheitern wahrscheinlicher, die Scham stärker.
Und typisch ist ein Muster, das leicht als fehlende Verbindlichkeit gelesen wird: Termine werden kurzfristig abgesagt oder vergessen, obwohl das Anliegen ernst ist.
Die üblichen Werkzeuge setzen an der Motivation und an der Einsicht an. Beides ist hier aber meist gar nicht das Problem. Wer die Mechanismen nicht kennt, arbeitet an der falschen Stelle und verstärkt die Scham.
Ein Beispiel. Die klassische Frage nach dem Warum, also warum jemand die Aufgabe nicht angegangen ist, produziert bei ADHS oft nur eine gut klingende Erklärung, weil die ehrliche Antwort lautet: Ich weiß es nicht. Nützlicher ist die Frage, was genau im Moment des Anfangens passiert ist.
Ein zweites Beispiel. Große Ziele und langfristige Belohnungen tragen schlecht, weil die Aufmerksamkeit sich nicht danach richtet. Kleine Schritte, kurze Zeiträume und äußere Struktur tragen deutlich besser.
Struktur nach außen verlagern, statt sie innen zu erwarten. Also feste Zeiten, sichtbare Listen, gemeinsam gestartete Arbeitsblöcke, Erinnerungen, die nicht von der Person selbst kommen müssen.
Aufgaben so klein schneiden, dass das Anfangen keine Überwindung mehr braucht. Nicht der ganze Bericht, sondern das Dokument öffnen und die Überschrift schreiben.
Und die Scham aus dem Raum nehmen. Sobald jemand versteht, dass ein Mechanismus am Werk ist und nicht ein Charakterfehler, wird Zusammenarbeit möglich, die vorher blockiert war.
Du stellst keine Diagnose, und du sagst auch nicht, dass jemand ADHS hat. Diagnostik gehört in ärztliche oder psychotherapeutische Hände, und sie ist aufwendiger, als es von außen wirkt.
Was du tun kannst, ist beschreiben statt einordnen. Etwa so: Mir fällt auf, dass das Anfangen bei dir immer wieder der schwierigste Teil ist, unabhängig davon, wie wichtig dir die Sache ist. Solche Muster können verschiedene Ursachen haben. Wenn du dem nachgehen möchtest, gibt es Fachleute, die das abklären.
Das ist keine Grenzüberschreitung, sondern das Gegenteil. Du benennst eine Beobachtung, du überlässt die Deutung den Fachleuten, und du lässt deinem Gegenüber die Entscheidung.